Tierpsychologie in Theorie und Praxis

Heute gibt es zwar eine Vielzahl neuer und alter Erziehungsmethoden aber kein allgemeingültiges Rezept. Nur durch individuelle Betrachtung des jeweiligen Problems kann eine Lösung gefunden werden. Was für den einen Hund durchaus sinnvoll ist, kann für den anderen absoluter Stress sein.

Deshalb erarbeiten wir mit Ihnen gemeinsam einen individuellen Therapieplan und schaffen damit eine stabile und gesunde Basis für ein langfristig erfolgreiches Verhaltenstraining.

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Intensiv-Coaching für ein glückliches miteinander in allen Situationen

Die Tierpsychologie umfasst Kenntnisse und Erfahrungen aus der Ethologie, der experimentellen Psychologie und der humanen klinischen Psychologie. Die Tierpsychologie unterscheidet dabei zwischen echten Verhaltensstörungen (Verhalten, das in dieser Form bei den wilden Verwandten oder Vorfahren, z.B. Wölfen, nicht vorkommt) und störendem (den Besitzer) Verhalten des Tieres.

Beispielsweise ist Selbstverstümmelung eine echte Verhaltensstörung, während Harnspritzen (Markieren) ein natürliches aber den Besitzer störendes Verhalten ist. Auf dieser Grundlage baut die individuelle Therapie nach ausführlicher Anamnese durch Befragung des Besitzers und Beobachtung des Tieres auf.

Manche Probleme sind sehr einfach zu lösen andere dagegen verlangen viel Geduld und Mitarbeit vom Tierhalter.

Liebe ist bedingungslos, Beziehung nicht.

Der Versuch einer systemischen Betrachtung von Nadin Matthews / dogument


Wieder einer dieser gemeinsamen, ruhigen Abende. Kein aufwendiges
Dinner, kein Styling vorher, kein Abschminken danach, keine
unbequemen Schuhe. Früher hätte sie um diese Zeit im Bad gestanden
oder ihren Kleiderschrank durchwühlt. Sie wäre mit ihren Freundinnen
losgezogen und hätte gesucht, um dann doch nicht zu finden.

Auf einem ihren zahlreichen Internetausflüge ist es dann passiert. Sie
hatte ihn gegoogelt und sich direkt in sein Bild verliebt. Über Wochen
ist sie täglich auf die Seite mit seinem Foto gegangen, um ihn
anzusehen. In Gesprächen mit ihren Freundinnen gab es für sie nur
noch dieses eine Thema. Aus der Schwärmerei wurde Ernst. Sie hat die
Initiative ergriffen und ist zu ihm gefahren. Das ist jetzt sechs Jahre
her. Seitdem leben die beiden zusammen. Sie verbringen ihre Abende
gemeinsam, am Wochenende machen sie Ausflüge. Manchmal wünschte
sie sich, ihn schon früher getroffen zu haben. Sie fragt sich, wo er
früher gelebt hat und was er dort erlebt hat. Sie sagt, dass sie ihn
liebt.

Am Anfang ihrer Beziehung hatte sie ihm oft von ihrem Tag erzählt und
gefragt, wie der seine war. Mittlerweile haben sie Routine, die Abläufe
genügen sich selbst als Erklärung. Sie kennen einander, ein Blick genügt.
Nicht immer ist es leicht in ihrer Partnerschaft, aber an Abenden wie diesen
sind sie sich einig. Gemütliche Klamotten, das Sofa, die Decke und der
Fernseher. Zusammen sein. Nicht allein sein. An Abenden wie diesen ist sie
sich sicher, sie braucht keinen Mann. Sie hat einen Hund.

Die Liebe und der Luxushund

Wenn Menschen heutzutage von ihren Hunden sprechen, wird deutlich, wie
eng sie mit ihnen zusammen leben und wie wenige Unterschiede es zu
menschlichen Beziehungen gibt. Hunde haben sich zunächst von draußen in
unsere Häuser und dann in unsere Herzen geschlichen. Die Beziehung
zwischen Menschen und Hunden ist nicht mehr nur über die Domestikation zu
erklären.

Von einigen seltenen Arbeitshunde oder reinen Prestigeobjekten mal
abgesehen, leben sie mit uns in einem Familienverband. Und das, obwohl sie
einer anderen Art angehören. Sachlich gesehen ist es leichter, Gründe gegen
die Haltung eines Hundes zu finden als tatsächlich dafür. Sie haben keinen
offensichtlichen Nutzen, sie riechen nicht immer gut, haben Parasiten, lassen
sich von uns durchfüttern, müssen tierärztlich versorgt werden und benehmen
sich häufig daneben. Ein deutscher Hund macht durchschnittlich in seinem
Leben einen Umsatz von 10.000.- €. Wir zahlen gern und nehmen sämtliche
Umstände in Kauf. Ich selbst zum Beispiel fahre ein Auto, das ich nicht mag
und das nur, weil unsere vier Hunde darin auch auf weiten Strecken
ausreichend Liegekomfort haben.

Hunde sind die besseren Verhaltensforscher

Die Hunde haben sich gut auf das Leben mit Menschen eingestellt. Sie sind
keine Wölfe mehr und ihr natürlicher Lebensraum ist nicht der Wald, sondern
die Nähe zum Menschen. Es gibt verblüffende Entsprechungen zwischen
menschlicher und hundlicher nonverbaler Kommunikation. Auch wenn
Menschen viel mit Hunden sprechen, so genießen sie doch die ausschließlich
analoge Kommunikation der Hunde.
Hunde sagen nicht, dass sie sich freuen, sie zeigen es uns. Wir empfinden
Glück, wenn Hunde frei miteinander laufen und spielen.
In einer Untersuchung haben Wissenschaftler herausgefunden, dass sich
Hunde mehr für die Mimik eines Menschen interessieren als es die uns
genetisch näheren Menschenaffen tun. Man könnte sagen, Hunde sind die
besseren Verhaltensforscher. Sie können uns einschätzen, erspüren
Stimmungen und haben darüber hinaus viel Zeit, um uns zu beobachten und
ihre Vorteile daraus zu ziehen.
Erstaunlich ist, welche Nähe sich Menschen und Hunde gegenseitig gewähren.
Wo es innerhalb der eigenen Art durchaus eine Individualdistanz gibt, scheint
sie zwischen Mensch und Hund nahezu aufgehoben. Wir lassen einen fremden
Hund teilweise dichter an unseren Körper als wir es bei einem uns bekannten
Menschen zulassen würden.

Konflikte sind allgegenwärtig

Wie in jeder anderen Beziehung gibt es Missverständnisse und auch Konflikte.
Dort, wo man eng zusammen lebt, entsteht Reibung. Die Art und Weise, wie
Konflikte ausgetragen werden, verrät viel über die Beziehung.
Nach der anfänglichen Schwärmerei in einer Partnerschaft kommt häufig die
erste Ernüchterung. Die Verschiedenheiten und Schwächen des anderen
werden deutlich. Nicht alle Erwartungen können erfüllt werden. Hunde sind
Hunde und werden sich immer als solche verhalten. Beide Seiten versuchen
sich gegenseitig zu ihrem Vorteil zu manipulieren. Ein normaler Prozess.
Menschen versuchen ihre Hunde über Erziehung zu verändern und nach ihren
Erwartungen zu formen. Je nach Hundetyp gelingt dies mal besser und mal
schlechter. Es ist zum Beispiel schwierig, einem Husky zu erklären, dass er
sich auf dem Spaziergang ohne Leine nur für seinen Menschen interessieren
soll, weil dieser ein großes Nähebedürfnis hat. Für Menschen, die gern allein
sind (auch auf einem Spaziergang) ist es hingegen der ideale Hund. Aber ist
die Rasse allein der Grund, warum sich Mensch und Hund mit einer Leine
aneinander gebunden, sich gegenseitig ziehend durch den Wald bewegen?
Und wieso tolerieren wir soviel, wenn doch wir diejenigen sind, die sich für
oder gegen einen Hund entscheiden können? Manche Menschen drehen sich
nur noch um den Hund. Und wollen für jede seiner Aktionen eine klar
umrissene Begründung.

Lineare Erklärung für komplexe Beziehung?

Warum macht er das? Diese Frage ist bei Hundehaltern sehr beliebt, aber
gleichermaßen schwierig zu beantworten. Sie zielt darauf ab, dass es den
einen Grund oder die eine Ursache für Verhalten geben muss. Schaut man
sich aber die Komplexität sozialer Kommunikation an, so wird die
Beantwortung unmöglich. Warum verhält sich ein Hund aggressiv an der
Leine? Weil er nie ohne Leine läuft und deshalb frustriert ist. Weil er seinen
Besitzer oder sein Territorium verteidigt. Weil er grundsätzlich unausgelastet
ist und nur 10 Minuten vor die Tür kommt. Weil er sich zur Zeit in der
Pubertät befindet und seine Hormone ihn verwirren. Weil seine Besitzerin
Angst vor anderen Hunden hat und sich dementsprechend unsicher verhält.
Weil er das mitgeführte Futter oder seinen Ball verteidigt. Weil er als junger
Hund einen Beinbruch und keinen Kontakt zu Artgenossen hatte oder aktuell
unter Schmerzen leidet. Weil seine Besitzer ihn ungewollt dafür belohnen. Weil
er aufgrund seiner Rasse ein höheres Aggressionspotenzial Artgenossen
gegenüber hat. Ja, das ist alles richtig oder könnte es sein und es gäbe
noch andere Faktoren, wenn auch nicht Gründe, die hier zu nennen wären.
Sie allein sind es aber nicht. Faktoren haben in einem System Auswirkungen,
wie ein Stein, der ins Wasser fällt und seine Kreise zieht. Sie rufen
Reaktionen hervor, die wiederum Aktionen darstellen, auf die reagiert wird.
Wie in einer Spirale, bedingt das eine das andere. Am Ende wird deutlich,
dass es keinen greifbaren Anfang gibt und das Ergebnis übersummativ ist. Es
ist durch die Kommunikation ein Mehr entstanden.

Welche Auswirkung bereits eine kleine Veränderung der Umweltbedingungen
hat, zeigt ein Beispiel aus dem Jahr 2000. Dort gab es einen fürchterlichen
Vorfall, bei dem ein Kind in Hamburg von einem Staffordshire Terrier getötet
wurde. Daraufhin gab es eine neue gesetzliche Verordnung und alle Staffs
mussten mit Leine und Maulkorb geführt werden. Natürlich gab es keine Zeit,
die Hunde vernünftig an einen Maulkorb zu gewöhnen und dementsprechend
schlecht kamen die Hunde damit zurecht. Hunde, die es gewohnt waren, frei
zu laufen, mit Artgenossen zu spielen, wurden nun an der Leine an den
anderen vorbeigeführt. Menschen haben aus Angst um ihre Kinder die so
genannten Kampfhunde und ihre Halter auf der Straße bepöbelt. Auch die
Presse hatte ihr Feindbild gefunden und tat ihr übriges. Eigentlich gab es nur
eine kleine gesetzliche Veränderung, dennoch hatte sie große Auswirkung auf
die betroffenen Mensch-Hund-Systeme und maßgeblich auf das Verhalten der
Hunde. Zudem ging der Ärger weiter, Diskussionen um Hundeführerscheine
und ausgewiesene Auslaufflächen sind das derzeitige Ergebnis. Doch ist der
Anfang dieser Veränderung wirklich der tragische Vorfall? Oder drückte die
starke Reaktion der Öffentlichkeit bereits vorhandenen Ärger oder Ängste
gegenüber Hunden aus?

Der Hund als Symptomträger

Hunde leben nicht in einem luftleeren Raum, sie sind Teil einer sozialen
Gruppe, innerhalb derer sie interagieren. Sie etablieren individuelle
Beziehungen und Rollen, von denen sie abhängig sind und über die sie ihr
Selbstbild entwickeln. Sie kommen mit unterschiedlichen Charakteren,
rassespezifischen Potenzialen und Talenten und der genetischen
Grundausstattung eines Hundes zur Welt. In der Regel wachsen sie in unseren
Breitengraden in Abhängigkeit des Menschen auf. Ihre Umwelt ist so
wandelbar und flexibel wie die unsere. Dafür sind sie mit einer großen
Anpassungsfähigkeit und einem komplexen Lernverhalten ausgestattet.

Bevor man ein problematisches Verhalten eines Hundes erklären kann, müsste
man zunächst die einzelnen Interaktionspartner in dieser Konfliktsituation und
die Umweltbedingungen beschreiben können. Erst in der kommunikativen
Schnittmenge zwischen Mensch und Hund findet man Hinweise auf
Veränderungspotenzial.
Ein Problem beginnt erst dann, wenn es empfunden wird und an dieser Stelle
kommt der Mensch ins Spiel. Sicherlich ist das andere Ende der Leine nicht
Schuld an den Schwierigkeiten, aber es ist beteiligt. Wir sind die, die ein
Problem haben, wenn ein Hund bespielweise jagen geht, nicht der Hund. Der
wundert sich wahrscheinlich mehr über unser seltsames Verhalten im Wald.

Ein Hund ist ein Hund, ist ein Hund.

Schaut man sich den Hund an, so könnte man grundsätzlich beschreiben,
dass er genetisch und biologisch betrachtet ein Lauftier, ein Jäger und ein
Langstreckentraber ist. Darüber hinaus lässt sich die Rasse unter die Lupe
nehmen. Wofür wurden die Hunde gezüchtet, welche Besonderheiten bringen
sie mit? Ein Border Collie ist kein Bullmastiff. Wir haben glücklicherweise über
400 Rassen gezüchtet, damit man sich das zu einem passende Problem
aussuchen kann. Das Alter und die hormonelle Entwicklung können ebenfalls
wichtig sein. Was hat er gelernt und erfahren? Wie wurde er sozialisiert und
erzogen? Wie wird er gehalten? Darüber hinaus wäre ein Blick auf seine
Umweltbedingungen von Nöten. Es ist sicherlich unproblematischer, einen
bellfreudigen Spitz auf dem Land in Alleinlage zu halten, als in der Zwei-
Zimmer-Wohnung in einer Großstadt.

Anschaffungsgründe und die Erwartungen

Die fachliche Beobachtung und Beschreibung eines Hundes ist bereits ein
großes Projekt, wenn nun auch der Mensch dazu kommt, wird es wirklich
bunt.
Die Gründe, sich einen Hund anzuschaffen, können mannigfaltig sein. Die
Funktion des Hundes hat sich vom Arbeitshelfer hin zum Sozialpartner
geändert. Im Prinzip bieten Hunde eine Projektionsfläche für alles. Sie können
helfen, sich nicht einsam zu fühlen oder auch andere Menschen
kennenzulernen. Sie geben menschlichen Paarbeziehung mehr Verbindlichkeit,
dienen als Kind - oder auch Enkelkindersatz. Sie können ein Teil der
Freizeitbeschäftigung darstellen oder ein Stück Natur sein, das man sich ins
Haus holt. Sie bleiben im Haus, selbst wenn sie erwachsen sind und man
kann sich um sie kümmern, sie streicheln oder sie umsorgen. Man kann über
sie seine Persönlichkeit zum Ausdruck bringen, sie unterstreichen und seine
Gefühle ausleben. Man kann sie erziehen, wie man selbst erzogen wurde oder
alles besser machen. Sie schützen Menschen, die ängstlich sind. Manchmal
dienen sie auch als verlängertes Ich und verhalten sich so, wie sich
Menschen nie trauen würden sich zu verhalten.

Die jeweilige Funktion des Hundes bestimmt die Kommunikation zwischen
Mensch und Hund. Sie geht einher mit Erwartungen an den Hund. Sie kann
sogar den Erziehungsstil festlegen. So können manche Menschen versuchen,
alles am Hund wieder gut zu machen, was ihnen bei anderen nicht gelungen
ist oder sie finden im Hund jemanden, demgegenüber sie ihre Macht
demonstrieren können, jemand, der auf sie hört.
Es geht an dieser Stelle nicht um eine Bewertung, sondern darum,
aufzuzeigen, wie individuell eine Mensch-Hund-Beziehung ist. Wenn es nun zu
Schwierigkeiten kommt, lassen sich diese nicht einfach durch die Arbeit am
Hund verändern.

Kennst Du einen, kennst Du alle?

Nehmen wir als plakatives Beispiel eine Szene aus der Welpengruppe.
Menschen, die sich eigentlich nichts zu sagen haben, treffen sich durch ihren
Hund jeden Samstag auf einer eingezäunten Wiese. Nun stehen sie da, groß
und klein, mit ihren unterschiedlichen Hunden, die momentan noch eines
vereint: alle sind irgendwie niedlich und quirlig und die kleinen Mädchen, die
an der Hand ihrer Mutter mit in die Welpengruppe gekommen sind, schreien
ständig nur „ist der süß"! Tatsächlich findet natürlich jeder seinen eigenen
Hund am besten, wie sollte es anders sein. Und dennoch gibt es große
Unterschiede zwischen den Menschen, die jedes Wochenende in die Gruppe
pilgern. Sie hatten unterschiedliche Motive, sich einen Hund anzuschaffen und
ihre Erwartungen liegen zum Teil meilenweit auseinander.

Eine Familie hat sich einen Labradorwelpen gekauft, die Kinder sollen mit
einem Hund aufwachsen und spielen können. Die Eltern freuen sich auf die
gemeinsamen Spaziergänge mit dem Hund in der Natur. Die Familie scheint
nun komplett, Eltern, zwei Kinder und ein verspielter Labrador Retriever. Der
Anschaffungsgrund impliziert bereits die Erwartungen der Eltern an den Hund.
Er soll lieb sein. Das ist die Hauptaufgabe eines Familienhundes und aus
Sicht der Familie nachvollziehbar. Genetisch gesehen ist auch ein Retriever ein
Hund. Rassespezifisch arbeitet er auf der Jagd nach dem Schuss, apportiert
erlegtes Wild und wird vor allem zur Entenjagd eingesetzt. Er soll einerseits
leichtführig, andererseits körperlich unempfindlich und selbständig sein. Sein
Aggressionspotenzial ist im Vergleich zu manch anderer Rasse als eher
niedrig einzustufen. Die Familie hat mit der Rasse zunächst keine schlechte
Wahl getroffen.

Ein weiterer Besucher der Welpengruppe ist ein Jäger mit seinem Deutschen
Jagdterrier. Der Kleine soll später zur Jagd auf Wildschweine, Füchse und
Dachse eingesetzt werden. Die notwendigen Fähigkeiten dafür bringt er bereits
mit. Er ist als Terrier in der Lage, sich ohne Vorlauf in einer jagdlichen
Situation zu verlieren und ein Tier zu attackieren, das größer ist als er selbst.
Sollte sich dieses Tier wehren und den Terrier angreifen, läuft dieser nicht
weg, sondern schaltet vom Jagdmodus in Aggressionsverhalten um. Man
kann ohne Übertreibung sagen, dass ein Deutscher Jagdterrier im Vergleich
zum Labrador ein großes Aggressionspotenzial mitbringt. Darauf ist der Jäger
nicht nur vorbereitet, es beschreibt sogar seine Erwartung an seinen kleinen
Begleiter.

Nun kommt es zu einer kurzen Übung, die sicherstellen soll, dass sich der
Hund im Notfall eine gefundene Beute wegnehmen lässt. Die Trainerin wirft
eine Kaustange in die Runde, die Hunde dürfen darauf herumkauen und die
Hundehalter sollen nach einigen Minuten versuchen, ihrem angeleinten Hund
die Beute wegzunehmen. Die Familie mit dem Labrador kommt als erste dran.
Sie erwarten kein Problem und so nähern sie sich ihrem Welpen an
durchhängender Leine. Dieser erscheint sehr beglückt über seine Situation mit
der Kaustange und versucht diese aufrechtzuerhalten, springt beim Versuch
der Annäherung beiseite. Dies wiederholt die Familie mehrfach und der Kleine
sichert jedes Mal die Beute. Mindestens einer lernt etwas. Nun nehmen sie
die Leine kurz und gelangen an ihren Hund und die Kaustange, doch bei
dem Versuch sie wegzunehmen, macht der Welpe ein kleines Geräusch, das
man gemeinhin Knurren nennt. Was jetzt passiert, ist sehr entscheidend. Es
kann sein, dass die Familie zurückschreckt, weil sie damit nicht gerechnet hat.
Der Labrador mit seinen 10 Wochen verhält sich wider ihren Erwartungen
aggressiv und hat damit Erfolg. Sie könnten aufgrund dessen zukünftig die
Situation mit der Kaustange vermeiden, um nicht wieder mit dem falschen
Bild konfrontiert zu werden.

Nun ist der Jäger mit seinem Terrier an der Reihe. Er weiß um die
Fähigkeiten seines Hundes und wäre wahrscheinlich enttäuscht, wenn der
Kleine in dieser Situation freundlich wäre. Andererseits weiß er auch, dass der
Hund lernen muss, sich ihm gegenüber nicht aggressiv zu verhalten. Er geht
also bereits von vornherein anders in den Konflikt. Er zieht seinen Welpen an
der Leine heran, packt ihn so, dass er nicht gebissen werden kann und holt
sich unmissverständlich die Kaustange. Die Versuche des Terriers dagegen
unterbindet er im Ansatz. Lächelt dann aber und freut sich über die
Hartnäckigkeit seines Hundes. Schließlich will er ihn so haben.

So könnte letztendlich bei diesem Gedankengang herauskommen, dass der
Labrador mit der genetisch „schlechteren" Ausstattung im Aggressionsbereich
eine Futteraggression entwickelt und der Deutsche Jagdterrier in diesem
Bereich keine Probleme zeigt.
Das genetische Potenzial allein ist nicht entscheidend. Die
Anschaffungsgründe, die Erwartungen an den Hund und der Erziehungsstil des
Menschen spielen ebenfalls eine wichtige Rolle.

Vielfalt ist die Wirklichkeit

Alles hat mit allem zu tun. Wenn es um nachhaltige Veränderung in einer
Beziehung geht, muss vieles hinterfragt werden. Die Mensch-Hund-Beziehung
lässt sich glücklicherweise nicht auf die Lerntheorie reduzieren und unterliegt
einem permanenten Wandel. Hunde lösen bei uns Menschen Gefühle aus. Wir
empfinden Glück und Vertrautheit, können wütend auf sie sein oder unter
ihnen leiden. Wir träumen manchmal von ihnen, machen uns Sorgen, sind
ärgerlich oder stolz auf sie.
Konflikte gehören zu einer engen Beziehung dazu, nicht alle müssen gelöst
werden.

Außerdem gibt sie. Diese gemeinsamen, ruhigen Abende. An denen sie sich
einig sind, Mensch und Hund. Gemütliche Klamotten, das Sofa, die Decke und
der Fernseher. Zusammen sein. Nicht allein sein.

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Autorin: Nadin Matthews

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